Geburtstag in heaven

19.1.26

 

 

 

mein Mädchen, natürlich vermisse ich DICH !

 

Mit „mein“ verstehe ich, dass sie oder irgendeines meiner 10 Kinder mir niemals gehörten oder gehören. Weder die lebenden, noch jene in der Geistigen Welt.

 

So wie niemand sagen kann, mir oder uns gehört das Land, der Wald, die Erde.

 

Was gehört uns?

 

?

 

Der Körper?

 

O.k., das könnte man sagen, denn wir haben diesen Körper, doch wir sind nicht dieser Körper.

 

Ich will nicht philosophisch daher kommen.

 

Nicht an so einem außerordentlichen Tag, wie der 32. Geburtstag meiner verstorbenen Tochter.

 

Es ist der 9. Geburtstag ohne sie, seit sie am 3. August 2017 am Biacograt in ihrer Dreierseilschaft in die Tiefe fiel. Mein Herz ist diesmal weniger schwer.

 

Die Sonne scheint.

 

Ich war mit dem Rad unterwegs, habe eine alte Lady besucht, unserer Gespräche sind tiefergehender als nur Bla Bla und noch einige Ämtergänge erledigt.

      

Jemand fragte mich heute morgen, wie es mir geht.

 

Ob er wusste, dass es Leonies Geburtstag ist?

 

Zumindest ist es so, dass ich diesen Menschen ohne Leonies Tod nicht kennengelernt hätte. Nicht in dieser außergewöhnlichen Situation im Juli 2021 und den danach entstandenen Kontakt.

 

Ein Mensch, der mir schrieb: „Leonie hat tatsächlich mal mein Leben gerettet“.

 

Ich weiß noch von vier anderen Menschen, die gesagt haben, dass sie ohne Leonie nicht mehr leben würden.

 

Das hat mir jedes mal unsagbar viel über sie mitgeteilt.

 

Leonie war still, leise, hat gelauscht, hat Karten und Briefe geschrieben, Päckchen verschickt, war präsent, ist dort hin, wo sie gebraucht wurde, ohne großes Tamtam.

 

So war sie.

 

Zu jedem! Zu mir, zu ihren Großeltern, ihren Brüdern, vor allem für ihre Freundinnen und Freunde war sie bewertungsfrei präsent. Freundschaften sind manchmal aus einem Hilferuf einer verzweifelten Person und ihrem daraus folgenden Wirken entstanden. Wahre Freundschaften, die über ihren Tod eine Wirkung haben.

 

Zu den beiden Freundinnen, die Mama geworden sind und wir Bonus-Großeltern wurden, besteht Verbindung. Und ich spüre, dass Leonie sie begleitet, in jeder schwierigen Angelegenheit. Und davon gibt es vielfältige, bei beiden alleinerziehenden Mamas.

 

Und nun, an diesem 9. Geburtstag ohne sie, ist es leicht in mir und um mich.

 

Mein Herz ist weit und offen.

 

Meine Liebe ist ein sanftes, waberndes Meer an Liebe, Dankbarkeit und Demut.

 

Das Ewige wird vom Tod nicht bedroht. Das habe ich schon lange vor Leonies Tod verstanden. Und meine Beschäftigung mit drastischen, manchmal surrealen Schicksalen der Menschen, die zu mir in die Praxis kamen, haben mich immer wieder mit dem Tod, der Seele und ihren Aufgaben, dem Weiterleben nach einem schwerwiegenden Verlust konfrontiert.

 

Trauernde, die nach dem Tod eines wichtigen Menschen und durch die Verarbeitung eine Öffnung ihres Bewusstseins erfuhren, und jetzt als BotschafterInnen, als medial arbeitende, Blog-SchreiberInnen in der Öffentlichkeit stehen, sind allesamt (jene, die ich kenne) durch sehr schwere Zeiten gegangen.

 

 

Bei mir war es so, dass ich weder den Tod meiner Kinder anzweifelte oder verleugnete, noch in schwerwiegender Weise Leid dadurch erfahren habe.

 

Ich schrieb öfter in meinen Beiträgen über meine Sichtweise zwischen Leid und Schmerz, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat.

 

Leid ist 100 % von uns selbst gemacht.

 

Natürlich kann aus tiefem Schmerz Leid werden, wenn wir uns ständig dagegen aufbäumen, ihn mit allen Mitteln vernichten und nicht fühlen wollen.

 

Schmerz ist eine vielschichtige Erfahrung, die sich aus einer Kombination körperlicher Verletzungen, seelischen Traumata und psychologischen Faktoren manifestiert hat.

 

Trauer kann auf all diesen Ebenen, also körperlich, mental und emotional, Schmerz verursachen und auf unterschiedlichste Weise empfunden werden. Doch wenn wir uns mutig und mit Bewusstheit diesem Schmerz stellen, werden wir Wunder erleben, wie Erleichterung, Befreiung und vor allem Liebe und Dankbarkeit.

 

Dieses sich hingeben an den Schmerz ist keine leichte Sache, weil wir von Kindheit an etwas anderes vermittelt bekommen haben: sogenannte „negative“ Gefühle wie z.B. Angst, Wut, Trauer, Scham waren nie erwünscht, sollten nicht ausgedrückt, nicht gefühlt werden, also möglichst nicht da sein.

 

Wie können wir dann, wenn etwas dramatisches und für uns traumatisches geschieht, durch diese starken Gefühle fühlen, mit diesen schmerzvollen Gefühlen leben?

 

Ich übe schon lange, sehr lange. Während meines Psychologie- und Sozialpädagogik-Studiums, auch während meiner über 40 Ausbildungen, waren Gefühle jedesmal ein Thema.

 

Und jeder hat es selbst gewiss mehrfach an sich erfahren, dass wenn wir uns gegen etwas auflehnen, es schwieriger, schlimmer wird und dies zu Leid führen kann.

 

Sobald wir beginnen, uns dem Schmerz zu stellen, uns sozusagen hinzugeben, werden wir Leichtigkeit, Freiheit und Gnade wahrnehmen.

 

 

Eine Geschichte über den indischen Mystiker und Gelehrten Eknath Easwaron, der 1999 verstarb, verdeutlicht dies: Seine Großmutter war für ihn eine Art spirituelle Leitfigur. Als er einmal mit dem Tod eines Verwandten nicht zurechtkam, forderte sie ihn auf, sich mit aller Kraft an einem Lehnstuhl festzuhalten. Er hielt sich fest, bis die Großmutter es mit Gewalt schaffte, ihn wegzureißen. Sie bat ihn anschließend, sich noch einmal hinzusetzen, diesmal aber ohne Widerstand zu leisten. Daraufhin hob sie ihn sanft vom Stuhl, nahm ihn in die Arme und sagte: „So ist es auch mit dem Tod. Du kannst wählen, wie du aus dem Leben scheiden willst. Denke immer daran.“ aus: „Noch eine Runde auf dem Karussell“ von Tiziano Terzani

 

 

Als meine Mutter kurz vor Weihnachten starb, unspektakulär an Altersschwäche und schnell fortgeschrittener Demenz, war in mir eine Erleichterung und Dankbarkeit, dass sie es endlich und auf sanfte Weise geschafft hatte, ihren Körper zu verlassen und gleichzeitig eine tief empfundene Freude. Durch mein tägliches Kümmern erfuhr ich, wie grundlegend freundlich und dankbar sie zu mir, doch genauso zu allen Pflegern und Betreuern des Heimes war, in dem sie insgesamt 3 ½ Monate lebte. Meine Geschichte als eines ihrer sieben Kinder war keine freundliche. Deswegen bin ich enorm dankbar, dass es so ein ‚Gutes Ende‘ mit uns beiden gab. In mir ist großer Frieden dadurch entstanden, durch den ich alte Erfahrungen hinter mir lassen konnte.

 

In einem Buch von Karim El Souessi las ich gerade, dass der Sterbende ein Solospieler für die Melodie seines Todesliedes darstellt und alle, die um ihn tätig sind, spielen die Begleitung, die aufmerksam, unterstützend und einfühlsam dessen Melodie unterstützt, ohne sich in den Vordergrund zu spielen.

 

 

Ich glaube, dass ist uns bei ihr gelungen.