Loslassen contra "bewusst fortgesetzte Bindung"



„Loslassen!“
Immer noch kommt dieses Wort in Bezug auf Trauer und Trauerverarbeitung vor.

Die Verstorbenen sollte man loslassen, gehen lassen, hinter sich lassen, um nach vorne schauen zu können.
Und falls das ‘Loslassen’ nicht gelänge, könnte es kein glückliches Leben geben und vielleicht behindere dieses „Festhalten“ den Verstorbenen sogar daran, in eine höhere Sphäre zu gelangen.

In der Trauerarbeit war es ein maßgebliches Konzept: das Loslassen und Abschließen, damit man ohne den Verstorbenen in ein neues Leben gehen könne.

Das hat mit den Thesen Sigmund Freuds zu tun, der davon ausging, dass man irgendwann mit dem Verlorenen abschließen und „loslassen“ müsse.

„Die Trauer hat eine ganz bestimmte psychische Aufgabe zu erledigen, sie soll die Erinnerungen und Erwartungen der Überlebenden von den Toten ablösen.“ (Freud, „Totem und Tabu“, 1913)

In seinem im Jahr 1917 verfassten Aufsatz: „Trauer und Melancholie“, beschrieb Freud, dass die Libido → die emotionale Energie, also die Liebe, von dem Verstorbenen abgezogen werden solle, um sie nach erfolgreicher Trauerarbeit wieder in neue Beziehungen und das eigene Leben zu investieren. Der Abschluss der Trauer sei das Loslassen des Verstorbenen im Sinne einer Ablösung der Gefühle zu ihm.

Allerdings schrieb Freud nach dem Tod seiner Tochter, 9 Jahre später an einen Freund:
„Gerade heute wäre meine verstorbene Tochter 36 Jahre alt geworden … Man weiß, daß die akute Trauer nach einem solchen Verlust ablaufen wird, aber man wird ungetröstet bleiben, nie einen Ersatz finden. Alles, was an die Stelle rückt, wenn es sie auch ganz ausfüllen sollte, bleibt doch etwas anderes. Und eigentlich ist es recht so. Es ist die einzige Art, die Liebe fortzusetzen, die man ja nicht aufgeben will.“

Freud selbst hat es anders erlebt, als er es einige Jahre zuvor beschrieben hatte.
Die Liebe zu seiner Tochter bleibe bestehen und sei die „einzige Art, die Liebe“ aufrecht zu halten.

Das Wissen um die Verbindung mit unseren Ahnen, findet man in allen Naturvölkern, in unterschiedlichsten Kulturen. Jahrhundertelang war es eine Selbstverständlichkeit, den Kontakt nach dem Tod, z.B. durch Rituale, aufrecht zu erhalten.

In der äußerlichen Realität, dass die Verstorbenen fehlen und körperlich nicht mehr anwesend sind, geht es beim individuellen Trauerweg darum, diese ‘Anwesenheit der Abwesenheit’ zu realisieren.
Manchmal eine längere und schwierige Entwicklung.

Intuitiv wissen und fühlen wir, dass unsere tiefe Liebe, unsere Verbindung zu jenen, die gegangen sind, niemals endet.
Liebe darf bleiben, darf wachsen und sich mit uns verändern.

Im Grunde geht es im Trauerprozess um die Aufrechterhaltung einer inneren Verbindung und die Integration des Verstorbenen in unser WeiterLeben.
Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Träume, Meditationen und innere Reisen zu den Verstorbenen, ebenso von unseren Lieben zu sprechen, können die innere Bindung bereichern.

 

Das kann uns trösten, Kraft geben und eine ganz einzigartige Liebe zu ALLEM WAS IST ermöglichen, über unser menschliches Lieben hinaus in die bedingungsfreie, weite, endlose Liebe hinaus.