Schmerz & Leid

Vollmond, 13. Juli 2022

 

Schmerz & Leid

 

Gerade beschäftige ich mich mit dem Buch „Karma – wie wir das eigene Schicksal beeinflussen können“ von Sadguru.

 

Ich bin noch nicht weit gekommen, doch schon jetzt konnte ich einiges Neue und Interessante erfahren.

Bewusst war mir schon lange, dass der Begriff „Karma“ häufig falsch verwendet und nicht verstanden wird. Im Allgemeinen wird das Wort Karma auf eine grob vereinfachende Art verwendet, die besagt, dass uns etwas Schlimmes passiert, wenn wir Schlimmes getan haben.

Hier geht es nicht um den üblichen Unsinn, Karmapunkte zu sammeln oder Krankheit als Strafe für Sünden in früheren Existenzen zu sehen, oder, dass es einen Racheengel für unsere (Misse-)Taten gibt, der den Tod eines Kindes in unser Leben brachte.

Ausgesprochen verständlich wird vermittelt, dass es sich bei Karma um keinerlei Aufrechnung, keine Bilanz, keinen Zusammenhang von Lohn oder Strafe handelt, sondern, dass der Lebensprozess selbst die Auflösung von Karma mit sich zieht, wenn wir durch unsere Erfahrungen hindurchgehen und jeden Augenblick unseres Lebens vollständig erleben.

Karma ist eher als eine Handlung und eine Möglichkeit zu verstehen, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen.

 

Ich bin bei der Frage, weshalb manche Menschen mehr leiden als andere, in eine tiefe Selbstreflexion geraten.

Durch den Tod von Leonie, Simon und Stefan, die in ihrer Dreierseilschaft am Eisgrat in den Hochalpen abstürzten, kam Schmerz in mein Leben, tiefer Schmerz in das Leben unserer Familie. Dieser Schmerz war für mich sogar richtiggehend physisch und extrem stark zu spüren, als würde sich mein Brustkorb so verengen, dass es nur noch eine gewaltige Explosion geben könnte, die nicht nur den Brustkorb, sondern auch meinen Kopf zersprengen würde.

Ich habe mir damals angewöhnt, mich komplett diesem momentanen Schmerz zu stellen, ja, mich förmlich diesem gerade Gefühlten hinzugeben.

Denn die Angst vor dem „Schlimmsten“, die Angst zu sterben, hatte und habe ich überhaupt nicht.

Und ich wusste und weiß aus Erfahrung, dass jeder Schmerz ein Ende hat, dass ich da durch gehen werde, um das Leid letztendlich zu verkürzen.

Heute lese ich, dass die Hauptursache menschlichen Leidens nicht körperliche Behinderung oder Armut ist, sondern wir selbst die Ursache für das Leid sind.

 

Es gibt diesen bedeutenden Unterschied zwischen Schmerz und Leid.

Schmerz ist körperlich. Schmerz stellt sich ein, wenn eine Verletzung des Körpers vorliegt und ist die Art und Weise unseres Körpers, uns darauf aufmerksam zu machen, dass etwas nicht stimmt und etwas unternommen werden muss. Deswegen ist Schmerz nützlich, weil er ein wichtiger Weckruf ist.

Leiden ist psychologisch. Es wird von uns erschaffen und zu 100 Prozent selbst erzeugt.

Es liegt nicht in unserer Hand, ob wir Schmerzen haben. Doch sehr wohl, ob wir leiden.

Wir können uns jederzeit dafür entscheiden, Leid zu beenden.

Beispielsweise lebten die Menschen vor eintausend Jahren überall auf der Welt relativ zufrieden in bescheidenen Behausungen. Das war kein Problem.

Das Problem ist heute, dass der eine in einer Villa lebt und ein anderer in einem Einzimmerapartment. Für Letzteren ist das die Quelle seines Leidens. Das Gleiche könnte mit Auto oder Urlaub sein, der, der einen anderen für das Größere und ‘Bessere‘ beneidet, wird leiden.

Was das Leiden verursacht ist nicht die physische Situation, sondern die Art und Weise, wie wir auf sie reagieren.

Der eine kann nicht auf die Uni gehen und leidet deswegen, ein anderer geht auf die Uni und leidet, weil er keine freie Minute mehr hat.

Einer ist unverheiratet und leidet darunter, ein anderer ist verheiratet und macht ein wahres Martyrium durch.

Einer leidet, weil er keine Kinder hat, ein anderer hat Kinder und ist deshalb ständig krank vor Sorge.

Was die meisten Menschen als Glück ansehen, ist lediglich die Fähigkeit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Diese Fähigkeiten sind oft unbewusst, wir haben keine Kontrolle über die Art von Umständen, die wir anziehen. Doch wir können immer bestimmen, wie wir auf das reagieren, was uns widerfährt.

Ein armer Mensch, der im Lotto gewinnt, mag in Euphorie geraten, wenn er eine Million gewinnt. Doch ein reicher Mensch, der weit mehr als das auf seinem Konto hat, kann dennoch sehr unglücklich sein.

Glück zu haben ist nicht allein ausschlaggebend dafür, wie glücklich wir sind.

 

Unsere innere ‘karmische‘ Substanz kann so beschaffen sein, dass sie alle Bestandteile enthält, die zusammenkommen müssen, um Leiden zu erzeugen.

Wir haben vermutlich alle in der Vergangenheit diese Bestandteile unbewusst in uns niedergelegt. Vielleicht sind schreckliche Dinge passiert, haben alles verloren, woran unser Herz gehängt hat.

Doch wenn wir morgens aufstehen, haben wir die Wahl, kein weiteres Leid für uns zu erzeugen.

Natürlich stimmt es, die Elemente des Unglücks sind vorhanden, sie warten auf ihren Moment, verlocken uns sogar, doch sie können nicht von sich aus zu Leid werden.

Leiden will jeden Tag neu produziert werden. Ohne unser Mitwirken kann sich ein Ereignis nicht in Leiden verwandeln.

Die Quelle unseres Unglücks sind nicht unsere vergangenen Handlungen oder Erfahrungen. Die Quelle unseres Glücks ist, was wir im jeweiligen Jetzt aus den Prägungen der Vergangenheit machen.

 

Hier ein Ende der Lektion.

 

Ich sehe und erfahre oft, wie Mamas, Papas, Geschwister nach dem Tod eines der Kinder leiden. Das ist durchaus verständlich. Ich selbst habe es erlebt und durchlebe es immer noch, denn dieser Schmerz, das eigene Kind zu vermissen und die Tatsache, es niemals mehr berühren zu können, lachen zu hören und mit ihm die Zukunft zu gestalten, ist definitiv für dieses komplette Leben vorbei.

Doch es macht einen großen Unterschied, wie wir mit dem Schmerz umgehen, der immer wieder auftaucht, oft ist er ohne Vorwarnung einfach enorm stark präsent.

Tränen kommen in die Augen geschossen, bei einer Begegnung, die äußerlich gar nichts mit unserem toten Kind zu tun hat, doch wir versuchen mit aller Gewalt diese Tränen und die Gefühle zu unterdrücken, weil wir uns schämen und es unangemessen empfinden. Schon ist Leiden da. Aus Schmerz wird Leiden.

Wir versinken im Leid, wenn wir immer und immer wieder darüber nachgrübeln, warum, wieso, weshalb denn dieser Tod passiert ist. Und vor allem, weshalb er in unser Leben kam.

Niemand, auch kein Ratgeber, kann uns diesen Schmerz erleichtern. Wir selbst müssen und kommen da durch. Leid und langes Leiden können wir verlassen.

Für mich sind folgende Aspekte wichtig und ausschlaggebend, um Leiden zu mindern oder zu verhindern:

 

Dankbarkeit: Ich sehe, fühle und weiß, wie dankbar ich sein darf, dass mein Kind 23 Jahre mein Leben beschenkt hat. Unsere ganze Familie und viele andere Menschen reich gemacht hat. Es gibt unzählbare wunderbare Erinnerungen, die mich zutiefst glücklich machen.

 

Liebe: Meine Liebe ist so mächtig, so groß, ausgedehnt und endlos, dass sie über diese begrenzte Zeit meines Lebens und die Begrenzungen des Räumlichen, himmelweit hinausreicht. Meine Liebe berührt mein Kind in seiner Welt. Liebe ist die Brücke, die sich täglich und durch jeden Gedanken sofort aufrichtet. Meine Liebe ist so zart und weich, dass ich sie sogar bei mir fühlen kann, wenn ich mich entspanne und mich auf diese Möglichkeit ihrer Liebe zu mir in meiner irdischen Welt einlasse. Diese meine Liebe hüllt mich selbst ein, durchdringt und heilt mich.

 

Demut: Das ist etwas, worüber ich kaum etwas schreiben kann, da es sehr subtil ist. Demut ist meine Hingabe an das Leben und das, was ich daraus kreieren oder empfangen darf. Oft bin ich bequem, dann lässt dieser Zustand, in Demut zu sein, etwas nach. Doch oft ist es ein Zustand, den ich als friedvoll und gelassen erfahre, vermischt mit einer Tiefe an Dankbarkeit und Liebe, die dieses Irdische überschreitet. Nicht nur das irdische Leben als Mensch auf einer wunderschönen, lebendigen Kugel, die als Erde unser zu Hause ist, sondern mich als Mensch als mehr zu sehen, als ich physisch bin, nämlich leuchtende, unsterbliche Seele.

Das sind wir alle! Alle Geschöpfe, jedes kleinste Tier, der Baum, die Blüte einer Rose an einem Strauch, ist von diesem himmlischen Atem durchdrungen. Dies zu wissen und zu fühlen, dass es keine Trennung von etwas oder jemandem gibt, ist für mich Demut.

Demut ist für mich auch diese ganz besondere Freude.

 

Freude: Diese Freude, die ich vor dem Tod meiner Kinder nicht in dem Maße empfinden konnte. Freude, die nicht verursacht wird durch ein äußeres, herbeigesehntes Erlebnis, sondern eine Freude, die aus dem Tiefsten in mir emporsteigt, etwas sehr Zartes, dennoch etwas außerordentlich Kostbares, Großartiges, Einzigartiges. Freude vergeht manchmal so schnell wie sie kam, doch der Hauch, der Duft dieser kleinen Freude, der bleibt lange an mir haften und erfüllt meinen Tag oder die Nacht.