Vierter Gedenktag

 

3. August 2021 ~ Vierter Jahrestag

 

Zum vierten Mal jährt sich der Unglückstag unserer Kinder.

 

Mein Wunsch war schon seit dem letzten 3. August 2020, dass es auf alle Fälle anders sein möge.

 

Anders als der Tag im letzten Jahr, an dem zwar mit allen beisammen waren, also wir, unsere Söhne, drei neue Freundinnen unserer Jungs, einem Baby im Wagen und einem Baby im Bauch, doch kein einziges Mal über Leonie und Simon gesprochen wurde.

 

Ich wollte gerne mit Klaus alleine an diesem Tag sein. Und am liebsten an den Bergen, dort, wo die drei das letzte Mal das Leben geatmet, die Schönheit der Welt gesehen und ihre Tour genossen haben.

 

Wir waren tatsächlich dort!

 

Nicht auf dem Berg, doch so nah, wie jemand, der kein Bergsteiger ist, kommen kann. 

 

Mit der Seilbahn zur Diavolezza geschwebt, um dort diese drei Tage zu verbringen. Ganz in der Nähe, wo diese drei jungen Menschen zu dieser Zeit vor vier Jahren ach diese drei Tage waren.

 

Ich war glücklich, denn diese atemberaubende Natur zu spüren, zu sehen, zu atmen, macht glücklich. Natürlich auch emotional.

 

An dem 2. August, als wir ankamen, konnten wir die Bernina-Berge nur sporadisch sehen, da neblig und wolkenverhangen. Doch die Luft herrlich und klar, es roch sogar nach Schnee. Wir gingen schweigend einige Wege, auch mal runter und rauf über steinige und unbefestigte Abhänge. Mal zusammen, dann auch eine ganze Weile jeder für sich. Wir sprachen nicht viel. Es war gut, es war still und innerlich war ich leer. Gleichzeitig war da auch etwas in mir, was sich wie ein sich aus weiter Ferne ankündigendes „Gewitter“ anfühlte. Etwas, was zwar nicht zu erklären war, es jedoch intuitiv eine Vorahnung gab. Ich kenne diese Vorahnungen, bzw. kenne ich Situationen, in denen ich im Nachhinein wusste, dass das, was dann geschah, schon irgendwie in meinem System vorhanden schien.

 

Abends gab es in dem Berghotel ein veganes Mehr-Gänge-Menü für uns, viel zu viel. Die köstliche Vorsuppe hätte mir vollkommen ausgereicht um mich satt und glücklich zu fühlen.

 

Es fing in der Dunkelheit an zu schneien, sehr leise und sachte. Ich brauchte das offene Fenster, wir lagen still beieinander, nachdem ich einiges von den letzten Tage notiert hatte. Unsere Besuche zuvor in Ulm bei einer Freundin und dann in Brugg bei meiner Freundin, deren elfjährige Tochter, zwei Jahre vor Leonie, Simon und Stefan, durch den Sturz von einem Felsen zur Sonnenwende starb. Wir hatten wirklich gute Gespräche, nährenden Austausch. Es tut gut mit Menschen zusammen zu kommen, die Ähnliches erfahren haben mit dem Tod eines Kindes oder eines sehr nahe stehenden Menschen. Zudem die Sicht auf den Tod, auf Trauer und die Prozesse, daran zu wachsen zu wollen, vergleichbar mit dem, was wir erfahren und fühlen.

 

Diese Dunkelheit, den Schnee zu riechen, die leise fallenden Flocken zu sehen bei offenem Fenster, in dem Stückchen Himmel große Sterne leuchten zu sehen….. in mir stieg eine ungeheure Traurigkeit hoch. Und ich schluckte meine Tränen runter. Das ging jedoch nicht lange, denn es waren viel zu viele. So viele, dass ich mich aufsetzen und ganz laut weinen musste, laut und lange weinte und schluchzte ich. Es war stark. Diese Nähe zum Unglücksort, dieses Wissen um ihren Tod, das Fehlen meiner geliebten Leonie, die ganzen Bilder von dieser Nacht, ihrem frühen Aufbruch, den Wegen die sie vermutlich schweigend mit ihrem Gepäck in der Dunkelheit mit ihren Kopflampen langsam und stetig gingen. Der Absturz zu Sonnenaufgang, den man von dem Fenster im Restaurant hätte sehen können, das beobachten, dass Rettungshubschrauber dort flogen und klar war, dass wieder etwas passiert ist (einen Tag zuvor stürzte eine Frau ab, die am gleichen Tag geborgen wurde), dann das feststellen des Todes der drei jungen Menschen durch einen Arzt, der an der Endlagestelle abgeseilt wurde, doch wegen des Steinschlags keine Bergung an diesem Tag stattfinden konnte. Das Retten einiger Bergwanderer auf dem Biancograt mit den Rettungshubschraubern, andere gingen weiter ihre Tour (es gibt ja Augenzeugen-Berichte von einigen, die es beobachtet haben).

 

Ihre leeren Körper lagen dort bis zum nächsten Tag am Mittag, bis ein Bergungs-Trupp all das, was man in Netzte packen konnte, einpackte und fortflog, ins Spital, wo die Körper von Leonie und Simon noch bis zum 24. August lagen, bevor die Kremation vorgenommen wurde …….

 

Ich ging all diese Bilder und Gedanken durch, es war wie eine Sturmflut, ein Gewitter, Tsunami und Erdbeben zugleich, was aus mir herausbrach. Es war schmerzvoll, die Tränen überschwemmten mich. Und auch solche Zustände finden ein Ende.

 

Ich konnte nicht schlafen. Nachdem ich fertig war mit weinen und Nase putzen, nochmal Pipi machen, mich in Klaus Arm kuscheln und er schlief, war es sehr still in mir und draußen. Es war gut hier zu sein, der beste Platz den ich mir denken könnte. Auch wenn dieser Anfall unerwartet und heftig war. Es hat mich gepackt und geschüttelt, der Ort, die Nähe zum Tod und der schmerzvolle Verlust. Das ist Wahrheit. Diese Ewigkeit in dieser stillen Nacht, die klare, kalte Luft. Als es dämmerte schlief ich ein und träumte von diesen schönen Menschen, wie sie auf dem Eisgrat liefen. Von weit oben erkannte ich eine Dreierseilschaft, die schweigend diesen Grat nach oben gingen, im Gleichschritt, in Minischrittchen und Eisschuhen, in Zeitlupe, in Meditation.

 

Es war ein kurzer Traumschlaf, dann sind wir früh durch den Neuschnee hinter dem Haus die steinigen Wege an den Felsen hochgelaufen. Mein Wunsch, runter zum Gletscher zu gehen war groß, es sah nicht weit und auch nicht so anspruchsvoll aus. Doch wir ließen es sein.

 

Beim Frühstück an unserem Platz konnten wir ab und an den hellblauen Himmel und Teile des Biancogrates mit der Haifischflosse sehen. Diesen Tisch am Ende des Restaurants in einer Nische, vor dem großen Fenster mit Blick zum Berg, hatten wir vermutlich für diese 2 ½ Tage zugeordnet bekommen, da die Belegschaft wusste, dass wir Angehörige der Verunglückten waren. Am Unglückstag bekamen wir zwei kleine Kartons mit der Diavolezza Nusstorte geschenkt, mit einem liebevollen Blick zu uns und dann zum Berg aus dem Fenster. Ich musste wieder weinen vor Rührung.

 

Es waren gesegnete Tage. Traurig, glücklich, still, gewaltig, erfüllt mit Schönheit dieser Natur und meiner Dankbarkeit, ihr so nah sein zu dürfen.